Behandlung von Schwerhörigkeit
Wie beeinflusst Schwerhörigkeit die Kommunikationsfähigkeit?
Schwerhörigkeit wird oft unterschätzt, obwohl sie die Kommunikationsfähigkeit im Alltag deutlich einschränken kann. Das „schlechte Verstehen” führt häufig zu Missverständnissen, Unsicherheit oder Misstrauen und kann langfristig Ängste oder sogar Depressionen auslösen, ja sogar Demenz beschleunigen.
Zwar gibt es kein „Wundermittel“ gegen Schwerhörigkeit, aber es können viele Maßnahmen ergriffen werden – vorausgesetzt, Hörverlust und Ursachen werden sorgfältig diagnostiziert.
Häufig sind Schwerhörige Menschen, die früher über längere Zeit Lärm ausgesetzt waren oder in der Jugend ein Lärmtrauma erlebt haben. Oft wird die Hörminderung erst bemerkt, wenn die Konzentrationsfähigkeit nachlässt oder die hohe Spannkraft der Jugend nachlässt. In Kombination kann ein begleitender Tinnitus zusätzlich die Konzentration und den Schlaf beeinträchtigen und so als Verstärker für die Einschränkungen durch Schwerhörigkeit wirken.
Wie beeinflussen Hörgeräte das Tinnitus-Erleben bei Menschen mit Hörminderung?
Menschen, die bereits ein Hörgerät tragen und gut damit umgehen können, haben in der Regel keine größeren Schwierigkeiten, ein erstmals auftretendes Ohrgeräusch oder Tinnitus zu habituieren.
Problematischer wird es, wenn das Hörgerät nicht richtig akzeptiert oder eingestellt ist. In solchen Fällen kann das Ohrgeräusch dazu führen, dass das Hörgerät nicht effektiv genutzt wird oder sogar abgelehnt wird, weil alles zu laut erscheint.
Ein Hörgerät verstärkt lediglich die über das Mikrofon aufgenommenen Frequenzen. Es kann laute Geräusche nicht wie ein gesundes Ohr automatisch abschwächen – moderne Technik kann dies zwar teilweise ausgleichen, jedoch nicht vollständig. Wenn das Hörgerät in bestimmten Situationen nicht korrekt angepasst wird oder der Patient sich nicht daran gewöhnt, kann die erhöhte Lautheit (sogenanntes Recruitment) den Tinnitus verstärken oder als besonders belastend empfunden werden.
Zusätzlich erzeugen Hörgeräte oft ein Eigenrauschen, das den Tinnitus entweder positiv beeinflussen kann, indem es als angenehmer Hintergrund wahrgenommen wird, oder negativ, indem es als zusätzlich störendes Geräusch empfunden wird.
Was bedeutet eine fluktuierende Hörschwelle und wie wirkt sie sich auf Patienten aus?
Viele Menschen leiden unter fluktuierenden Hörschwellen, besonders im Tieftonbereich.
Betroffene, die häufig wegen wiederkehrender Hörstürze behandelt werden, verstehen oft nicht, warum ihr Gehör schwankt und empfinden dies als sehr schicksalhaft. Besonders belastend ist, dass sie sich auf ihr Gehör nicht verlassen können – plötzlich „fällt das Ohr zu“ – und oft zusätzlich Ohrdruck verspüren, der die Aufmerksamkeit noch mehr auf das Ohr lenkt.
Bei diesen Patienten tritt häufig ein tieffrequentes Ohrgeräusch auf, das als Brummen wahrgenommen wird. Dies verstärkt die Aufmerksamkeit auf das Ohr, wobei meist die Hörminderung und der Ohrdruck im Vordergrund stehen. Viele Betroffene leben in ständiger Anspannung und Angst vor einem erneuten Hörsturz oder einem dauerhaften Hörverlust.
Die Beschwerden entstehen häufig durch Stauung der Lymphflüssigkeit im Innenohr (Endolymphschwankungen), die nicht optimal verarbeitet wird. Zwar sind die genauen Ursachen nicht bekannt, doch die Beschwerden treten oft zusammen mit körperlichen Verspannungen und Anspannung auf. Diese körperliche und psychische Unsicherheit kann auch soziale Verunsicherung zur Folge haben, da das Vertrauen in den eigenen Körper und die Sinne stark beeinträchtigt wird.
Für weiterführende Informationen über die psychischen und sozialen Folgen der Schwerhörigkeit verweisen wir auf unsere Broschüre zum Thema Endolymphschwankungen.
Welche psychischen und sozialen Folgen kann Schwerhörigkeit bei Erwachsenen haben?
Schwerhörigkeit betrifft Menschen, die vorübergehend oder dauerhaft Einschränkungen des Hörvermögens erleben. Auch mit Hörgeräten ist das Verstehen von Sprache oft möglich, doch die psychischen und sozialen Folgen können erheblich sein – insbesondere bei Erwachsenen, die ihre Hörminderung erst im Laufe des Lebens erworben haben.
Häufigkeit und Versorgung:
- In Deutschland gibt es ca. 14–16 Millionen schwerhörige Menschen, davon tragen nur etwa 2,5 Millionen ein Hörgerät.
- Nur ein sehr kleiner Anteil der Betroffenen wird durch Selbsthilfegruppen oder Verbände unterstützt, z. B. beim Deutschen Schwerhörigenbund.
- Die Anpassung eines Hörgerätes erfolgt oft erst 2 Jahre nach der Feststellung der Schwerhörigkeit, da viele Erwachsene zunächst in Verleugnung, Bagatellisierung oder Untätigkeit verfallen.
Soziale und psychische Auswirkungen:
- Schwerhörige sind oft „Wanderer zwischen zwei Welten“: sie gehören weder vollständig zur Gemeinschaft der Gehörlosen noch zur Welt der gut Hörenden.
- Dies kann zu sozialem Rückzug, Ängsten, Unsicherheit, depressiven Stimmungen oder Gereiztheit führen.
- Fehlendes Sprachverständnis in Gruppen kann zu Missverständnissen, ständiger Konzentration auf Lippenlesen oder erhöhter Lautstärke beim eigenen Sprechen führen.
- Viele Betroffene stellen den Fernseher oder Radio sehr laut, fixieren die Lippen der Gesprächspartner oder nutzen Hilfsmittel unbewusst.
Psychologische Mechanismen:
- Plötzliche oder schleichende Hörminderung erfordert Neuorientierung in allen Lebensbereichen.
- Angst vor sozialer Isolation, Unsicherheit im Alltag und die Schwierigkeit, Hörgeräte anzunehmen, können das psychische Wohlbefinden stark belasten.
- Hörgeräteanpassung ist nur ein erster Schritt: Betroffene müssen lernen, mit den zusätzlichen akustischen Informationen umzugehen und ihr Sprachverständnis wieder zu verbessern.
Unterstützung und Selbsthilfe:
- Konkrete Ansprechpartner wie HNO-Ärzte, Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen sind entscheidend, um die psychische Belastung zu verringern.
- Offenes Bekenntnis zur Schwerhörigkeit gegenüber Partnern, Freunden oder Kollegen kann einen Teil der Last nehmen und soziale Unterstützung fördern.
- Auch nach der Hörgeräteanpassung ist eine längere Eingewöhnungsphase notwendig, um aus dem zusätzlichen akustischen Input ein verbessertes Sprachverständnis zu entwickeln.
Im Allgemeinen ist Schwerhörigkeit mehr als ein körperliches Problem: Sie betrifft Lebensqualität, soziale Interaktion und psychisches Wohlbefinden. Eine frühzeitige Diagnostik, Unterstützung durch Fachleute und offene Kommunikation sind entscheidend, um die psychischen und sozialen Folgen zu reduzieren.
Wie wirkt sich ein einseitiger Hörverlust auf das Hören und die Lebensqualität aus?
Ein Hörverlust auf nur einem Ohr wird häufig unterschätzt – Kommentare wie „ist ja nicht so schlimm“ spiegeln nicht die Realität wieder. Ein einseitiger Hörverlust ist vergleichbar mit dem Verlust eines Auges oder eines Armes und stellt einen tiefen Einschnitt in das Alltagsleben und die persönliche Freiheit der betroffenen Person dar, besonders, weil das Richtungshören und die räumliche Orientierung stark eingeschränkt sind.
Die typischen Auswirkungen sind:
- Erhöhte Höranstrengung: Das Hören erfordert mehr Konzentration, die Hörschärfe nimmt ab.
- Richtungsprobleme: Wird die betroffene Person von der „falschen“ Seite angesprochen, kann sie dies unter Umständen nicht wahrnehmen.
- Schwierigkeiten in Menschenansammlungen: Geräusche werden unklar und verschwimmen zu akustischen „Schlieren“, besonders wenn das hörende Ohr vom Hauptschall abgewandt ist.
Auch wenn nur ein Ohr betroffen ist, kann dies die Lebensqualität, Kommunikation und soziale Teilhabe erheblich beeinträchtigen. Eine frühzeitige Diagnose, Beratung und ggf. Versorgung mit Hörhilfen sind daher entscheidend, um die Auswirkungen zu minimieren und die Hörfähigkeit optimal zu unterstützen.
Warum wird Kommunikation für Menschen mit Hörverlust oft zum Stressfaktor?
Für Menschen mit Hörverlust oder Hörschädigung kann Kommunikation mit gut Hörenden zu einem ständigen Stressfaktor werden. Stress wird dabei als komplexe psycho-physiologische Reaktion verstanden, die von Person, Situation und Umfeld abhängt. Geringer Stress kann anregend sein, schwerer und langanhaltender Stress führt jedoch zu psychosomatischen Reaktionen und gesundheitlichen Problemen.
Besondere Herausforderungen für Hörgeschädigte:
- Schwierigeres Verstehen und Zuhören, besonders in lauten Umgebungen
- Kombinieren, Raten und Absehen beim Gespräch, um Informationen korrekt zu erfassen
- Anstrengung beim Sprechen und Unsicherheit über Missverständnisse oder mögliche Peinlichkeiten
- Wiederholte Kommunikationsprobleme können einen Teufelskreis erzeugen: schlechtes Hören → mehr Stress → noch schlechteres Verstehen
Diese Belastung bedeutet, dass Hörgeschädigte generell mit einer psychischen Bürde in Gespräche mit Hörenden gehen.
Wichtig zu wissen ist, dass Stress eine Reaktion auf die Situation ist und nicht die Situation selbst. Menschen mit Hörverlust können ihre Reaktion auf die Kommunikationssituation anpassen, z. B. durch Strategien wie Ruhepausen, klare Sicht auf den Gesprächspartner oder Nutzung von Hörhilfen, um den Stress zu reduzieren.
Welche Herausforderungen entstehen bei der Kommunikation zwischen Hörgeschädigten und Hörenden?
Die Kommunikation zwischen Hörgeschädigten und Hörenden kann für beide Seiten belastend und anstrengend sein, da Hörgeschädigte häufig den Meinungen, Urteilen und Vorurteilen der hörenden Mehrheit ausgesetzt sind. Dabei werden ihnen oft negative Eigenschaften zugeschrieben, obwohl es immer nur individuelle Unterschiede gibt und keine pauschale Gruppe „der Hörgeschädigten“ existiert.
Hörgeschädigte haben oft Schwierigkeiten, bildhafte oder metaphorische Aussagen richtig einzuordnen, wodurch Gespräche häufig nur auf der Ebene konkreter Ereignisse stattfinden. Gleichzeitig ist das genaue Zuhören, das Erschließen aus dem Kontext und das Raten erforderlich, um Informationen korrekt zu erfassen. Diese Anstrengungen werden durch überlautes oder überdeutliches Sprechen der Hörenden verstärkt und führen auf beiden Seiten zu körperlichem Stress, etwa in Nacken, Schultern und Stirn, sowie zu psychischer Belastung.
Viele Hörgeschädigte entwickeln ein „So tun als ob“-Verhalten, indem sie nicken oder lächeln, ohne alles verstanden zu haben, um nicht unaufmerksam oder uninformiert zu wirken. Dies verstärkt Missverständnisse und soziale Unsicherheit und kann Angstgefühle hervorrufen. Nicht die Hörgeschädigten oder die Hörenden selbst sind anstrengend, sondern die Kommunikation zwischen beiden erzeugt die Belastung.
Geduld, Verständnis und angepasste Gesprächsstrategien sind entscheidend, um die Kommunikation zu erleichtern, Missverständnisse zu reduzieren und den sozialen Stress für beide Seiten zu verringern. Eine bewusste Gestaltung der Gesprächssituationen, wie das Sprechen in Ruhe, Blickkontakt oder der Einsatz von Hörhilfen, kann die Verständigung deutlich verbessern und die Lebensqualität von Hörgeschädigten erhöhen.
Welche Bewältigungsstrategien gibt es für Menschen mit Hörschädigung?
Der Prozess der Bewältigung und Verarbeitung einer Hörschädigung kann sehr unterschiedlich verlaufen und hängt von den individuellen Erfahrungen und Ressourcen der Betroffenen ab. Während des Umgangs mit Belastungssituationen entwickeln Menschen mit Hörverlust verschiedene Strategien, um das neue Lebensumfeld zu meistern.
Einige Betroffene versuchen zunächst, das belastende Ereignis, also den Hörverlust, vom Bewusstsein fernzuhalten, um nicht von negativen Gefühlen überwältigt zu werden. Andere suchen aktiv nach positiven Aspekten, wie Hoffnung, Sinngebung, Humor oder religiösen Überzeugungen, um dem kritischen Ereignis einen konstruktiven Rahmen zu geben. Wieder andere verarbeiten die Belastung in Form von Selbstbeschuldigungen oder Selbstmitleid, was kurzfristig Entlastung verschaffen kann, langfristig aber häufig problematisch ist.
Darüber hinaus gibt es aktionale Bewältigungsstrategien, die auf konkrete Lösungen ausgerichtet sind. Dazu gehören unter anderem der Einsatz von Hörgeräten, das Erlernen von Entspannungstechniken, die Suche nach sozialer Unterstützung sowie das bewusste Rückziehen aus sozialen Situationen, um Überlastung zu vermeiden. Expressive Bewältigungsformen erlauben es, Emotionen zu äußern und zu verarbeiten, während defensive Strategien, wie die Leugnung der Hörschädigung, kurzfristig helfen können, mit der Diagnose umzugehen.
Auch wenn das Leugnen zunächst problematisch erscheint, kann es für manche Menschen ein erster Schritt sein, allmählich zu lernen, wie sie die Hörschädigung im Alltag managen können. Insgesamt zeigt sich, dass die Kombination aus akzeptierenden, aktiven und emotional verarbeitenden Strategien entscheidend ist, um den Hörverlust langfristig in den Alltag zu integrieren und die Lebensqualität zu erhalten.
Welche positiven Aspekte können Menschen mit Schwerhörigkeit aus ihrer Situation ziehen?
Obwohl Schwerhörigkeit oft als erhebliche Einschränkung wahrgenommen wird, können Betroffene durch positive Akzente und Sinnfindung ihre Situation besser bewältigen. Studien und Erfahrungen zeigen, dass Menschen, die in einem kritischen Lebensereignis Sinn erkennen, dieses Ereignis auch erfolgreicher verarbeiten können. Bei Schwerhörigkeit wird die Harmonie zwischen Individuum und Gesellschaft häufig gestört, da die im Laufe der Sozialisation aufgebaute Identität unter erschwerten Bedingungen aufrechterhalten werden muss. Die Hörbehinderung erzeugt oft eine Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung des Betroffenen und den Erwartungen seines sozialen Umfelds, wodurch die Einschränkung als psychisches Trauma erlebt werden kann.
Manchmal kann eine später auftretende hochgradige Schwerhörigkeit sogar das Leben erleichtern, da das vorherige Verstecken der Behinderung wegfällt und das Annehmen der neuen Situation erleichtert wird. Betroffene machen die Erfahrung, dass je selbstverständlicher sie selbst mit ihrer Behinderung umgehen, desto selbstverständlicher wird diese auch von ihrem Umfeld akzeptiert. Erstaunlicherweise hängen Kommunikationsprobleme nicht nur vom Grad der Schwerhörigkeit oder der kommunikativen Kompetenz ab, sondern auch stark von der eigenen Einstellung zur Behinderung, der Hörtaktik, dem Umgang mit der Beeinträchtigung und der Fähigkeit zum Lippenlesen.
Die Hör- und Gehfähigkeit von Schwerhörigen hängt zudem in großem Maße vom eigenen psychischen und physischen Wohlbefinden ab, das sowohl negativ als auch positiv von der Umwelt beeinflusst werden kann. Viele Betroffene fühlen sich zunächst alleingelassen mit ihrer Situation, was zu Verzweiflung, Depression oder Selbstmitleid führen kann. Wenn sie jedoch durch Zufall, Eigeninitiative oder den Zuspruch von Angehörigen oder Gleich betroffenen Kontakte knüpfen, kann ein starkes Gemeinschaftsgefühl entstehen, das Isolation aufbricht und das Selbstwertgefühl zurückgibt.
In der Praxis, beispielsweise in der Tinnitus-Klinik, zeigt sich, dass Begegnungen mit anderen Betroffenen Hoffnung und neuen Lebensmut schenken. Hörgeschädigte sind dabei besonders auf das Verständnis der hörenden Mitmenschen angewiesen. Gut Hörende sollten die Grundvoraussetzungen für erfolgreiche Kommunikation kennen, doch die Verantwortung, diese Kenntnisse zu vermitteln und die Situation zu erklären, liegt häufig bei den Betroffenen selbst. Sie müssen in der Lage sein zu erklären, warum sie in bestimmten Situationen hören oder nicht hören können, um Missverständnisse zu vermeiden und ihre Kommunikation zu verbessern.
Artikel von Dipl. Psychologe Werner Eschler zum Ausdrucken | Download |