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Behandlung von Tinnitus

Ist Tinnitus ein Symptom einer gestörten Hörwahrnehmung?

Ja, Tinnitus, auch bekannt als Ohrgeräusche, ist in den meisten Fällen ein Symptom einer gestörten Hörwahrnehmung. Tinnitus entsteht fast ausschließlich durch Einschränkungen der Hörfähigkeit, selbst wenn diese vom Betroffenen subjektiv nicht wahrgenommen wird. Typische Ursachen sind Lärmschäden, Hörstürze oder sich schleichend entwickelnde Hörstörungen. Auch Überreizungen des Hörsystems, zum Beispiel durch körperliche oder psychische Belastungen wie Stress, können Ohrgeräusche auslösen. Sehr selten ist Tinnitus allein Folge zentraler Überreizungssituationen bei komplett normalem Gehör.

Das Leiden am Tinnitus mit seinen Begleiterscheinungen – etwa Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme oder depressive Symptome – resultiert häufig daraus, dass das Gehirn das störende Geräusch nicht ausblenden kann. Je stärker die Aufmerksamkeit auf den Tinnitus gerichtet ist, desto belastender wird das Ohrgeräusch erlebt.

In manchen Fällen ist Tinnitus auch das erste hörbare Zeichen einer seelischen Not oder psychischen Krise. Dann kann das Ohrgeräusch innere Angst widerspiegeln oder das erste körperlich wahrnehmbare Signal für eine mögliche Gefährdung des seelischen Gleichgewichts sein.

Ein komplexes Tinnitus-Leiden kann die Lebensqualität und das Wohlbefinden der Betroffenen stark beeinträchtigen. Mögliche Folgen sind Schlafprobleme, Depressionen, Immunstörungen sowie soziale Einschränkungen wie Rückzug aus dem Alltag oder Arbeitsunfähigkeit. In schweren Fällen kann eine stationäre Behandlung notwendig werden, wenn das Krankheitsbild zu einer psychischen oder körperlichen Dekompensation führt.

Tinnitus ist nicht immer ein Symptom im klassischen Sinne. Entscheidend ist, zwischen dem Höreindruck Tinnitus und dem möglichen Leiden am Tinnitus zu unterscheiden.

Schon bei hörgesunden Menschen ist im Innenohr ein leises Grundrauschen vorhanden, das normalerweise nicht bewusst wahrgenommen wird. Wird eine Person in völlige Stille versetzt, entsteht innerhalb kurzer Zeit ein akustischer Eindruck. Dies liegt daran, dass das Innenohr seit Geburt ständig aktive Sinneszellen enthält – vergleichbar mit einer Tonanlage, die beim Einschalten ein leises Grundrauschen erzeugt. Das Ohrgeräusch ist also im Prinzip immer vorhanden, wird aber in der Regel nicht dauerhaft beachtet.

Erst wenn sich die Hörwahrnehmung verändert, etwa durch Hörverlust oder andere Einschränkungen, kann dieses Grundrauschen als Tinnitus wahrgenommen werden. Im Normalzustand, aber auch bei kleinen oder langsam eintretenden Hörverlusten helfen sogenannte Hörfilter, das Grundrauschen auszublenden, sodass es nicht bewusst als Tinnitus wahrgenommen wird. Hörfilter sind hemmende (inhibitorische) Strukturen in der Hörbahn und damit Funktionssysteme, die gewohnte oder nicht relevante Geräusche unterdrücken oder ablenken – ähnlich wie bei einer Uhr, die zwar konstant tickt, aber meist nicht bewusst gehört wird.

Bei chronischem Tinnitus liegen häufig Schädigungen im Innenohr vor, wie Lärmschäden, Hörsturz, Schwankungen der Innenohrflüssigkeit oder Fehlsteuerungen von Nervenaktivitäten. Auch bei gutem Hörvermögen kann die Wahrnehmungsschwelle für das normale Grundrauschen sinken, wenn Hörfilter geschwächt oder erschöpft sind – zum Beispiel nach Arbeitsüberlastung, anhaltendem Stress oder Erschöpfung. Dann wird das Grundrauschen bewusst wahrgenommen und als Tinnitus empfunden.

Das Leiden am Tinnitus hängt entscheidend davon ab, wie stark Betroffene das Ohrgeräusch als störend empfinden. Unabhängig von der Entstehungsursache des Tinnitus wird der neue, meist unangenehme Höreindruck vom Gehirn automatisch aufmerksam registriert, es wird ihm mit Hinwendung begegnet.

Aus biologischer Sicht war es für den Menschen überlebenswichtig, auf unbekannte Geräusche sofort zu reagieren. Beispielsweise mussten unsere Vorfahren am Lagerfeuer bei jedem Knacken eines Astes blitzschnell entscheiden: angreifen, fliehen oder sich totstellen. Nur wenn ein Geräusch als bekannt oder ungefährlich identifiziert wurde, konnte Entspannung folgen.

Diese biologische Grundstruktur lässt sich auf Tinnitus übertragen:

  1. Erkennen: Kann die Geräuschquelle identifiziert werden?
  2. Bewerten: Wird das Geräusch positiv oder negativ bewertet – meist unbewusst?
  3. Reagieren: Körperliche oder psychische Reaktionen treten automatisch auf.

Bei Tinnitus erzeugt der neue und meist negativ bewertete Höreindruck daher hohe Aufmerksamkeit. Reaktionen ähneln biologischen Alarmmustern wie „Angriff“, „Flucht“ oder „Totstellen“.

Die Hörwahrnehmung spielt eine zentrale Rolle: Nur wenn Betroffene verstehen, wie Tinnitus entsteht, welche Ursachen und Auswirkungen er hat, lässt sich der aufreibende Kreislauf zwischen Tinnitus und Aufmerksamkeit unterbrechen.

Wichtige Maßnahmen sind:

  • Information und Aufklärung über die Ursachen und Mechanismen des Tinnitus
  • Gespräche mit fachkundigen Experten nach sorgfältiger Diagnostik
  • Nutzung von gut verständlichen Fachbüchern und Materialien, um sich mit dem Tinnitus vertraut zu machen

Diese Aufklärung hilft Betroffenen, die Aufmerksamkeit auf das Ohrgeräusch zu reduzieren und den Leidensdruck langfristig zu verringern.

Gerne empfehlen wir auch den Kontakt zur

Deutschen Tinntius-Liga e. V.
Postfach 21 03 51
42353 Wuppertal
Tel.: (02 02) 24 65 20
Web: www.tinnitus-liga.de

Ja, Tinnitus kann in manchen Fällen auf seelische Ursachen zurückgehen. Er kann das erste hörbare Zeichen einer seelischen Not oder Krise sein. In solchen Fällen spiegelt das Ohrgeräusch oft innere Angst wieder oder wird zum ersten körperlich wahrnehmbaren Hinweis auf eine mögliche Gefährdung des seelischen Gleichgewichts.

Bei verstärkter Tinnitus-Wahrnehmung in krisenhaften Situationen vermuten Experten häufig eine Schwächung der Hörfilter. Auch Menschen, deren Tinnitus objektiv durch Lärmbelastung oder einen Infekt ausgelöst wurde, erleben den Tinnitus individuell unterschiedlich: Je nach persönlichen Bewältigungsstrategien kann er entweder zum belastenden Leiden oder zu einem weniger störenden Erlebnis werden.

In beiden Fällen kann ein Kreislauf aus verstärkenden Faktoren entstehen, der die körperlichen und psychischen Ressourcen des Betroffenen stark beansprucht.

Psychotherapie kann hier helfen, weil sie den einfühlenden Blick von außen und den Aufbau einer tragfähigen Arbeitsbeziehung bietet. So können alte oder schwierige Probleme erkannt, bearbeitet und neue Wege der Verarbeitung gefunden werden. Besonders bei der Tinnitus-Verarbeitung können bisher unbewusste, gewohnte Wertesysteme nicht mehr optimal funktionieren, was die Notwendigkeit schafft, Einstellungen und Handlungen zu überdenken.

Das ABC der Hörwahrnehmung und ein nachvollziehbares Bedingungsmodell können Angst reduzieren und das Erleben des Tinnitus erleichtern. Zusätzlich helfen praktische Erfahrungen in der Hör- und Geräuschtherapie, Klangtherapie oder Körperarbeit, Befürchtungen direkt zu erleben und abzubauen. Die hemmenden, das Ohrgeräusch unterdrückenden Anteile der Hörbahn werden so wieder gestärkt.

Nicht selten zeigt sich, dass hinter dem Tinnitus weitere Probleme verborgen sein können, etwa depressive Verstimmungen, familiäre Konflikte oder Arbeitsprobleme, die ebenfalls bearbeitet werden müssen, um die Belastung durch den Tinnitus nachhaltig zu reduzieren.

In der Tinnitus-Klinik Dr. Hesse beginnen sowohl ambulante (derzeit meist über Privatliquidation) als auch stationäre Behandlungen mit einer fundierten neurootologischen und psychosomatischen Diagnostik. Ziel ist eine für die Patientinnen und Patienten nachvollziehbare Aufklärung, die sowohl die medizinischen Grundlagen als auch die emotionalen Begleitumstände und Reaktionen berücksichtigt. Auf dieser Basis wird ein auf das individuelle Krankheitsbild und die Persönlichkeit abgestimmtes Behandlungskonzept erarbeitet.

Zu den zentralen Therapieangeboten gehören:

  • Psychotherapeutische Begleitung, um die Tinnitus-Bewältigung zu verbessern und die zum Leiden führenden Ursachen zu bearbeiten.
  • Verbesserung des Hörfähigkeit, evtl. mit Hilfe von Hörgeräten
  • Hör- und Geräuschtherapie, individuell angepasst an das Tinnitus-Leiden und das Hörprofil, um Gewöhnung und Habituation zu fördern.
  • Körperarbeit, abgestimmt auf Tinnitus und/oder Gleichgewichtsthemen, die Tinnitus- und Körperwahrnehmungen miteinander verbindet und das Körperempfinden verändert.

Eine stationäre Behandlung wird insbesondere dann notwendig, wenn ambulante Maßnahmen ausgeschöpft sind und sich das Krankheitsgeschehen verschlechtert.

Der große Vorteil einer stationären Therapie liegt in der interdisziplinären Zusammenarbeit: Ärzte, Psychologen, Hör- und Bewegungstherapeuten arbeiten gemeinsam und abgestimmt an den Problemen, statt nebeneinander, sodass die Behandlung des Tinnitus-Leidens optimal abgestimmt erfolgen kann.

Viele Menschen, die zu einem stationären Aufenthalt nach Bad Arolsen kommen, haben bereits zahlreiche Versuche unternommen, den Tinnitus zu bewältigen oder loszuwerden. Häufig führen die Beschwerden zu Problemen im beruflichen und privaten Leben, die die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.

In unserer psychosomatisch orientierten Behandlung greifen wir diese Herausforderung aktiv auf. Ziel ist es, eine strukturierte Vorgehensweise zu bieten, in der die einzelnen Puzzlesteine des Tinnitus-Geschehens gemeinsam mit den Betroffenen betrachtet und die verschiedenen Diagnosen in ein Gesamtbild eingeordnet werden.

Die Aufgabe der Patientinnen und Patienten besteht darin, aus dieser Struktur praktische Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und neue Schritte auszuprobieren. So kann eine erste Chance entstehen: nicht nur ursächlich in das Tinnitus-Geschehen einzugreifen, sondern über kleine Schritte aus der Ohnmacht heraus mehr Gestaltungsspielraum zu gewinnen und die Lebensqualität wieder zu verbessern.

Wenn ein stimmiges Wirkmuster erarbeitet ist, können die Schritte meist klein, aber langfristig wirksam sein. Diese Vorgehensweise hat den Vorteil, dass Erfolge besser sicherzustellen sind und eine grundsätzliche Stabilisierung erreicht werden kann.